Sehnsucht nach Welt

Die Schweiz und das Meer

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25. September 2019

Alle Flüsse fliessen ins Meer, sagt man. Wenn das so ist, muss die Schweiz, wo der Rhein, die Rhone und viele andere Flüsse entspringen, eine der grossen Quellen des Meeres sein. Und doch sind die Ozeane weit entfernt. Das Meer inspirierte Schriftsteller und Forschungsreisende, beflügelte den Tourismus und brachte Ingenieure auf abenteuerliche Ideen.

Max Frisch und das Meer

Im März 1946 verbrachte Max Frisch eine Stunde am Basler Münster und blickte auf den Rhein, der einige hundert Meter flussabwärts über die Grenze nach Deutschland und Frankreich tritt. «Wie klein unser Land ist», staunte er. Wenige Monate waren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen, und der Schriftsteller sprach aus, was in Europa damals viele bewegte: «Unsere Sehnsucht nach Welt, unser Verlangen nach den großen und flachen Horizonten, nach Masten und Molen, nach Gras auf den Dünen, nach spiegelnden Grachten, nach Wolken über dem offenen Meer; unser Verlangen nach Wasser, das uns verbindet mit allen Küsten dieser Erde; unser Heimweh nach der Fremde». 1

Max Frisch, der 1911 in Zürich geboren wurde, zog es schon als jungen Mann hinaus aus seinem Heimatland. Im Jahr 1933 reiste er als Journalist für die Neue Zürcher Zeitung nach Prag. Eigentlich nur, um von dort über die Eishockeyweltmeisterschaft zu berichten und dann zurückzukehren. Doch Frisch fuhr weiter: nach Budapest, Belgrad, Sarajewo, Dubrovnik, Istanbul und Griechenland. «Bin nach 9-stündiger überwältigend schöner Meerfahrt in Split», schrieb er an die Mutter. 2 Den Zeitungslesern berichtete er von Eindrücken, die ihn in ihrer Fülle und Schönheit überforderten. «Eigentlich waren diese dalmatischen Tage zum Verzweifeln», war am 27. Juni 1933 in der NZZ zu lesen. Der Grund für die Verzweiflung: «daß man nicht malen kann und solche Farben hier lassen muß.» 3 Max Frisch versuchte es trotzdem, das Malen. Sein Gemälde «Ragusa» – so der alte Name von Dubrovnik – zeigt, dass in dem jungen Schriftsteller, der wenige Jahre später Architektur an der ETH Zürich studierte, auch ein gestalterisches Talent schlummerte. Seine Erlebnisse in Dubrovnik verarbeitete Max Frisch literarisch in seinem ersten Roman „Jürg Reinhart“ (1934).

Max Frischs Beziehung zum Meer und zum Wasser blieb sein Leben lang erhalten. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Frischs bedeutendste architektonische Arbeit ein Freibad ist. In seinem 1949 eröffneten Freibad Letzigraben ist ein modernes Sportbecken in eine organische Parklandschaft eingebettet. Mitten in der Stadt verspricht das glitzernde Wasser bis heute Feriengefühl. Auf Reisen ans Wasser begeben sich auch die Figuren seiner Romane und Erzählungen. So fährt der Ingenieur Walter Faber, Protagonist des Romans Homo faber, mit dem Schiff von New York nach Frankreich – und damit aus einer hochtechnisierten «Neuen Welt» zurück in ein archaisches und mythisches Europa.

Im Video spricht die Literaturwissenschaftlerin Beatrice von Matt über die Bedeutung des Meeres im Leben und Werk von Max Frisch. Zu sehen sind ausserdem private und bisher unveröffentlichte Filmaufnahmen des Autors.

Ein Geologe am Mittelmeer

Wenige Jahre nach Max Frischs Reise durch Südosteuropa waren an der Volkshochschule Zürich Vorlesungen des Geologen Leo Wehrli zu hören. Im Wintersemester 1936/37 referierte Wehrli, der die Volkshochschule selbst mitgegründet hatte, über europäische und nordafrikanische Hafenstädte oder über die geologische Beschaffenheit des Meeresbodens. Wehrli wusste, wovon er sprach. Als Schüler des berühmten ETH-Professors Albert Heim war er ein ausgewiesener Experte und hatte zahlreiche Orte auf der Welt selbst bereist. Wehrli war in Argentinien gewesen, in Brasilien und am Mittelmeer. Was er in Griechenland oder Tunesien sah, hielt er mit der Kamera oder als Zeichnung fest. Seine Vorträge illustrierte er mit Dias, die seine Frau Margrit von Hand kolorierte. Auf ihnen zeigte er nicht nur die geologischen Profile der Küstenregionen, sondern auch bezaubernde Strände. Bei manchem Zuhörer mag er damals nicht nur die wissenschaftliche Neugier, sondern auch die Sehnsucht nach der Ferne geweckt haben.

Gabès (Tunesien), Brandung, handkoloriert durch Margrit Wehrli-Frey
Leo Wehrli, 1923 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Dia_247-03566)
Die Schweiz im Grössenvergleich mit dem Mittelmeer und dem Roten Meer
Leo Wehrli, 1952 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Dia_247-Z-00443)

Frau und Herr Schweizer am Meer

Heute ist das Meer ein touristisches Ziel par excellence für Frau und Herr Schweizer. Doch das war nicht immer so. Noch im 18. Jahrhundert waren Reisen den Adligen, Pilgern, Missionaren, Gelehrten und Händlern vorbehalten. Sie waren kostspielig, zeitaufwändig und gefährlich. Ferien, wie wir sie heute verstehen, also Reisen, die den individuellen Erholungs- und Vergnügungszwecken dienen, sind ein relativ junges Phänomen.

Wichtigster Geburtshelfer der Tourismusentwicklung war im 19. Jahrhundert die Eisenbahn. Im europäischen Vergleich begann die Schweiz um 1850 zwar schon relativ früh mit dem Ausbau ihres Streckennetzes, die bedeutsamen Regionen für den Schweizer Tourismus, der sich insbesondere auf die Alpenregion fokussierte, wurden jedoch erst gegen Ende des Jahrhunderts erschlossen. 4 Einen Durchbruch – im doppelten Sinne – stellte die Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels im Jahr 1882 dar. Nicht nur beflügelte dieser die Handelsbeziehungen mit dem Süden, sondern auch die touristische Infrastruktur der Schweiz.

Mit neuen Verkehrsverbindungen wie dem Gotthard- oder dem San-Bernardino-Tunnel rückten die italienischen Strände in greifbare Nähe. Reiseanbieter wie die Zürcher Firma Kuoni (gegründet 1906) und die nationale Fluggesellschaft Swissair (gegründet 1931) machten schliesslich auch Ferien in ferneren Ländern erschwinglich. Die Schweizerinnen und Schweizer entdeckten die Welt – und die Welt kam in die Schweiz. Gastarbeiter aus Italien wurden heimisch und bereicherten die hiesige Küche mit ihren Speisen, sodass manch einer die «Mediterranisierung» der Schweiz fürchtete. In die gesellschaftliche Debatte um Zuwanderung mischte sich nicht zuletzt Max Frisch ein: «Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen», lautet sein bis heute zitierter Satz von 1965. 5 Max Frisch stand für eine Schweiz, die eine Öffnung des Landes begrüsste. Lebte er selbst doch auch in Rom, später in Berlin und New York. Immer wieder setzte er sich kritisch mit den nationalen Symbolen und Mythen seines Heimatlandes auseinander. Wohl ganz in seinem Sinne skandierten in den Achtziger Jahren die Schweizer Jugendlichen auf der Strasse: «Nieder mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer!»

Das Meer in der Schweiz

«Um das großartige Schauspiel zu genießen, welches das Meer uns darbietet, müssen wir Binnenländer große Reisen unternehmen. Allein genauer betrachtet haben wir das Meer auch bei uns; ja wir wohnen in Mitten eines großen Seebeckens; aber das Meer ist abgeflossen und ausgetrocknet.» 6 Diese Worte finden sich in einer Abhandlung über «Die Urwelt der Schweiz» des Paläontologen und ETH-Professors Oswald Heer aus dem Jahr 1865. Dass die Schweiz einmal von Wasser bedeckt war, scheint kaum vorstellbar. Und doch lässt sich das Meer auch in der Schweiz entdecken. Sei es in den Alpen als Nebelmeer oder an unzähligen Badestellen in Stadt und Land.

Max Frisch, der einst durch den Dolderwald am Zürichberg spazierte, erhaschte zwischen den Bäumen «ein Rechteck voll warmer Adria, deren helles, so lebhaft schillerndes Grünlichblau uns überrascht und mit stummem Jubel erfüllt, eine zaubervolle Farbe, die wie das durchsichtige Leuchten eines Juwels daliegt» – gemeint war das Dolder-Wellenbad. 7 Und der Luzerner Mundartmusiker Kunz besingt in seinem gleichnamigen Popsong von 2014 den Vierwaldstättersee: «Wär hed behouptet, d'Schwiiz hed kes Meer?»

Am Zürcher Limmatquai fällt dem aufmerksamen Spaziergänger ein merkwürdiges Objekt ins Auge: ein Poller, wie man ihn aus grossen Häfen zum Festmachen von Hochseeschiffen kennt. Was hat der Poller hier am Fluss zu suchen, wo nur die Ruderer vom Ruderclub oder die städtischen Limmatboote verkehren? Der Poller war Teil eines Kunstprojekts der Gruppe zürich-transit-maritim. Die Gruppe installierte einen viel diskutierten, temporären Hafenkran (2014/15) und fünf Poller entlang des Limmatquais.

Der Hintergrund des Projekts verweist auf ein faszinierendes Kapitel der Schweizer Handels- und Technikgeschichte. Im 20. Jahrhundert sollte der «Transhelvetische Kanal» die Schweizer Wasserwege bis zu den Alpen schiffbar machen und sogar die Berge überqueren. Die Geschichte dieses abenteuerlichen Vorhabens schweizerischer Ingenieurskunst erzählt der Historiker Andreas Teuscher im Video. 8

Bis heute betreiben Schweizer Unternehmen eine Hochseeflotte unter Schweizer Flagge. Gegründet im Jahr 1941, sollte sie die Versorgung der Schweiz mit Warenimporten während des Zweiten Weltkriegs sicherstellen. Der Heimathafen der Schweizer Schiffe ist Basel. Wären die Pläne für einen Transhelvetischen Kanal realisiert worden, dann könnten sie heute vom Meer bis nach Zürich oder Genf fahren.

Fussnoten

  1. Max Frisch: Tagebuch 1946-1949, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1950, S. 25 f. ↩︎
  2. Max Frisch an Lina Frisch, Postkarte aus Split, 13. Juli 1933, zit. nach: Max Frisch: «Im übrigen bin ich immer völlig allein». Briefwechsel mit der Mutter 1933. Eishockeyweltmeisterschaft in Prag. Reisefeuilletons, hrsg. von Walter Obschlager, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2000, S. 124. ↩︎
  3. Max Frisch: Tage am Meer, in: Neue Zürcher Zeitung, 154. Jg., Nr. 1163 vom 27. Juni 1933, Bl. 3. ↩︎
  4. Vgl. Rüdiger Hachtmann: Tourismus-Geschichte, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 2007, S. 73. ↩︎
  5. Max Frisch: Überfremdung I, in: Ders.: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge, hrsg. von Hans Mayer und Walter Schmitz, Bd. V, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967, S. 374. ↩︎
  6. Oswald Heer: Die Urwelt der Schweiz, Band I, Zürich: Schulthess 1865, S. 117. ↩︎
  7. Max Frisch: Vom kleinen Meer im Wald, in: Neue Zürcher Zeitung, 156. Jg., Nr. 1130 vom 28. Juni 1935, Bl. 5. ↩︎
  8. Vgl. dazu auch die Studie von Andreas Teuscher: Schweiz am Meer. Pläne für den «Central-Hafen» Europas inklusive Alpenüberquerung mit Schiffen im 20. Jahrhundert, Zürich: Limmat Verlag 2014. ↩︎