Wiederherstellung von Korallenriffen

Wenn Kunst und Wissenschaft sich einem Ziel verschreiben

  • Naturwissenschaften
1
Wie alles begann
2
Nachhaltigkeit und Skalierbarkeit
3
Herausforderungen und interdisziplinäre Kollaboration
Oktober
4
Entwerfen, Testen, Anpassen
November
5
Relevanz für wissenschaftliche Bibliotheken
Dezember
Episode 1

Wie alles begann

Jede berufliche Disziplin hat ihren eigenen Blickwinkel auf die Welt. Ich als Künstlerin neige dazu, viel zu beobachten, sowohl im übertragenen als auch im wörtlichen Sinne. Ich versuche, das Wesen dessen zu erfassen, was mich umgibt. Dieser künstlerische Blickwinkel wird von vielen als eine Suche nach ästhetischer Essenz und Komposition verstanden, sozusagen als ein Streben nach der Poesie der Dinge. Doch aus meiner Sicht vermag Kunst mehr. Sie kann ein Katalysator für individuelles Handeln und gesellschaftliche Veränderung sein. Sie erreicht das, indem sie Artefakte schafft, die Menschen unterschiedlichster Hintergründe als Ankerpunkt für Kommunikation und Handlung dienen. Auch können sich Kunst und Naturwissenschaften auf diese Weise symbiotisch verbinden. Diese Geschichte ist mein Erfahrungsbericht. Schon früh faszinierte und inspirierte mich eine uns Menschen oftmals unbekannte Umgebung – ich nenne sie die «Unterwasserwelt».

Marie Griesmar, Künstlerin und Fellow des ETH Library Labs 2019

Alles begann, als ich im Jahr 2000 den Tauchsport entdeckte. Was für ein unbeschreibliches Gefühl, in dieser surrealen Umgebung kurzzeitig koexistieren zu können. Eine Leidenschaft war geboren. Ich begann, mich in meinem Schaffen mit dem Thema Wasserökologie in verschiedensten Gewässern auseinanderzusetzen. Im Jahr 2012 hatte ich ein tief greifendes Erlebnis. Ich war auf den Seychellen, um mich als Verantwortliche für Divemaster 1 zertifizieren zu lassen. Den Ort kannte ich von früher, aber ich erkannte ihn kaum wieder. Das Korallenriff wirkte trostlos. Ein Bleiche-Ereignis im Jahr 2011 hatte das einst so farbenfrohe und lebendige Ökosystem in ein abgestorbenes Riff verwandelt. Ein Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der tiefen Missachtung submariner Ökosysteme wuchs in mir. Ich beschloss, so viel wie möglich über den Schutz von Korallenriffen zu lernen. Dieses Wissen wollte ich zur Schaffung wirkungsvoller Kunstwerke nutzen. Es musste schliesslich auch einen künstlerischen Weg geben, dem wissenschaftlich prognostiziertes Aussterben von Korallen bis zum Jahr 2050 entgegenzuwirken.

Eine grosse Bereicherung war die Zusammenarbeit mit Meeresbiologen, die auf die Erforschung von Genomen von Korallen spezialisiert sind. Während eines Aufenthalts am Reef Genomics Lab des Red Sea Research Center der King Abdullah Universität für Wissenschaft und Technologie in Saudi-Arabien konnte ich von ihnen viel lernen. Auf Basis dieser Erfahrung entwickle ich seit 2016 Strategien und Prototypen für das Projekt «Beneath The Sea, a New Form of Reef», das von submarinen Ökosystemen inspiriert ist. Besonders prägend war für mich auch ein Aufenthalt bei swissnex San Francisco als Fellow des Pier 17 Science Studio im Jahr 2018. Das Werk orientiert sich an der Form und strukturellen Funktionsweise eines Riffs. Es schafft eine neuartige «Architektur», die auf dem Meeresboden Korallen dazu einlädt, sich auf ihr anzusiedeln und zu wachsen. Ziel ist es, Lebensraum und Schutz für die wichtigen Meeresgemeinschaften zu bieten, die auf Korallenriffen zu Hause sind. Zentral ist hierbei für mich der Aspekt der Nachhaltigkeit der verwendeten Materialien und Herstellungsprozesse. Durch den Austausch mit Forschern aus verschiedenen internationalen Laboren und Institutionen wurde eines für mich immer deutlicher: Ich wollte meine bisherige, rein manuelle Arbeitsweise erweitern und Methoden der digitalen Fabrikation miteinbeziehen.

Marie Griesmar beim Zeichnen von Korallenriffen im Roten Meer 2017, © Ramona Marasco.

Im Jahr 2019 wurde ich Innovator Fellow am ETH Library Lab. Das Lab ist eine interdisziplinäre Initiative. Ihr Ziel ist die Förderung innovativer Ansätze zur Unterstützung offener Wissensökosysteme rund um Wissenschaft und Forschung. Hier konnte ich mich – unterstützt durch das Lab – dem Erlernen digitaler Fertigungsweisen widmen, mein Projektvorhaben weiter schärfen und mich mit Forschenden der ETH Zürich vernetzen. Es wurde eine spannende Reise. An ihrem Ende stand ein neuartiger Prototyp. In ihm manifestieren sich die Logik digitaler Herstellungsmethoden, die Eigenschaften ökologischer Materialien und der Einfluss der Wasserströmung auf die Ansiedlung von Korallenlarven. In den weiteren Kapiteln werde ich Einblicke in das Projekt geben. Als Nächstes berichte ich über die Schritte von der Handarbeit zur technischen Umsetzung.

Episode 2

Nachhaltigkeit und Skalierbarkeit

In Episode 1 berichtete Marie Griesmar bereits über die Idee und die Entstehung ihres Projekts «Beneath The Sea, a New Form of Reef». In dieser Episode 2 teilt sie ihre Erfahrungen zur Realisierung.

Im Idealfall betrachtet ein ökologisch verantwortungsvolles Projekt alle Komponenten der natürlichen Umwelt als miteinander verbunden. Diese sozusagen ethische Sichtweise prägt das gesamte Prozessdesign; nicht nur in seiner Entwicklung, sondern auch in seinem Herstellungsansatz und seiner Umsetzung. Bei jedem künstlerischen oder interdisziplinären Projekt, das ich umgesetzt habe, bin ich den Leitprinzipien gefolgt, die Natur zu respektieren und soziale Eigenschaften lokaler Gemeinschaften einzubeziehen. Das bedeutet auch, dass ich die Nutzung lokaler Ressourcen oder Biomassen anstrebe, wie z. B. Ton, natürliche Pigmente oder pflanzliche Grundstoffe aus der Region.

Mein Wiederherstellungsprojekt für Korallenriffe «Beneath The Sea, a New Form of Reef» befasst sich mit komplexen umwelttechnischen Anforderungen – insbesondere, da es in Unterwasserlebensräume eingreift, also dort, wo das Gleichgewicht zwischen den Organismen sehr fragil ist. Wenn ich Installationen unter Wasser durchführe, lege ich besonderen Wert darauf, dass Material oder Technologie nicht falsch eingesetzt werden. Um zum Beispiel eine störende oder stauende Wirkung innerhalb eines Ökosystems zu verhindern, begann ich, von Meeresbiologen zu lernen. Mein Ziel war es, herauszufinden, welche natürlichen Materialien am ehesten für meine gewünschten künstlerischen Strukturen geeignet sind. Ausserdem wollte ich wissen, welche Materialien sich über die Jahre am besten der Meereslandschaft anpassen und diesen Bedingungen standhalten.

Gebleichte Korallen auf den Malediven im Mai 2016, © The Ocean Agency/XL Catlin Seaview Survey

Steingut und insbesondere gebrannter Ton bieten ein einladendes Substrat, auf dem sich Korallen ansiedeln und wachsen können. Das liegt an der porösen Textur und der Alkalinität des Materials. Da ich die Vorteile dieser Eigenschaften kannte, begann ich, Unterwasserkunstwerke für Korallen aus Ton zu entwickeln. Meine ersten Skulpturen fertigte ich in Handarbeit an. Ich war mir aber auch der Tatsache bewusst, dass der Verlust der dreidimensionalen Struktur unter den Korallenriffen ein weltweites Problem ist. Auch mit ganzem Willen und all meiner Energie wäre meine Handarbeit niemals produktiv genug, um einen signifikanten Einfluss zu erzielen. An diesem Punkt habe ich angefangen, die Skalierung durch einen technischeren Herstellungsansatz in Betracht zu ziehen, nämlich durch den 3-D-Druck.

Aber wo sollte ich anfangen ohne Vorkenntnisse in diesem Bereich? Durch Zufall bin ich auf das ETH Library Lab gestossen. Es ist eine Innovationsinitiative der ETH-Bibliothek mit dem Ziel, wissenschaftliche Informationsinfrastrukturen und -services zukunftsorientiert weiterzuentwickeln. Mit der Aufnahme in ihr «Innovator Fellowship Program» begann im April 2019 eine ganz neue «Lernreise» für mich. Durch die Unterstützung des Labs erhielt ich innerhalb meines Projekts wissenschaftliche Betreuung der Forschungsgruppe Gramazio Kohler Research, die sich auf die Forschung zur digitalen Herstellung spezialisiert hat und bei der Weiterentwicklung neuer Herstellungsmethoden, die auch die Nachhaltigkeit erhöhen könnten, an vorderster Front steht.

Die Mission, zur Wiederherstellung von Korallenriffen beizutragen und dafür einen skalierbaren, digitalen Fertigungsprozess unter Verwendung von Naturmaterialien zu verwenden, überzeugte zudem die Schweizer Firma Bodmer Ton, uns zu unterstützen. Das Unternehmen ist auf die Gewinnung und Herstellung von lokalem Ton spezialisiert und kann als einer der vielen kleineren und besonders wertvollen Spezialisten hier in der Schweiz angesehen werden. Bodmer Ton spendete grosszügig eine Tonne Ton aus der Region Einsiedeln, was es uns ermöglichte, am Grundsatz festzuhalten, ausschliesslich mit lokalem und nachhaltigem Material zu arbeiten.

Die Künstlerin beschäftigt sich für ihr Projekt mit Materialien und deren Eigenschaften. Im Jahr 2019 besuchte sie ihren Sponsor Bodmer Ton in Einsiedeln, um zu sehen, wie der lokale Ton verarbeitet wird, © Roland Lanz für ETH Library Lab.
Für ihren Entwurf arbeitet Marie mit parametrischem Design und 3-D-Modellierung, © Roland Lanz für ETH Library Lab.

Parallel dazu hatte ich die Gelegenheit, mehr über wissenschaftliche Arbeitsabläufe in der digitalen Fabrikation zu erfahren, und zwar durch die Supervision von Forschenden von Gramazio Kohler Research. Aber es war auch eine schwierige Zeit, denn ich musste an allen Fronten Neues lernen: neues Vokabular, neue Hardware, neue Software, neue Designprinzipien. Mein grosses Interesse an der Kombination digitaler Herstellungsprozesse mit der Verwendung ökologisch nachhaltiger Materialien trieb mich jedoch immer wieder an. Und so machte ich schliesslich stets wieder einen nächsten Schritt und konnte geeignete Strukturen für die Wiederherstellung von Korallenriffen als Prototypen anfertigen.

Oktober 2020

Herausforderungen und interdisziplinäre Kollaboration

In der dritten Episode berichtet Marie Griesmar über technische Möglichkeiten, Umsetzungsansätze und interdisziplinäre Kollaboration für die Realisierung dieses komplexen Projekts.

Fussnoten

  1. Ein Tauchzertifikat als Verantwortlicher für Unterwasser-Tauchexpeditionen ↩︎

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