«Wir haben Platz genommen!»

Frauen an der ETH Zürich – von den Anfängen bis heute

  • Geschichte

Lange Zeit waren Frauen eine Ausnahmeerscheinung an der ETH. Doch während 150 Jahren eroberten Pionierinnen immer neue Räume – mit Hartnäckigkeit, Fachwissen und gelegentlich einer Prise Humor. Vieles haben sie erreicht, doch in Sachen Chancengleichheit bleibt noch einiges zu tun.

«In unserer Zeit, wo allen menschlichen Bedürfnissen überall in weitgehendem Masse Rechnung getragen wird, ist es befremdlich, dass in allen Gebäuden, die zu der eidg. Technischen Hochschule gehören, gar keine Toiletten mit Klosetten für Damen eingerichtet sind.»

Diese Zeilen schrieb Anna Schinz-Mousson am 29. Mai 1918 an den damaligen Rektor der ETH Zürich, um sich als «Mutter und Freundin der jungen Mädchen» dafür einzusetzen, dass der Missstand fehlender Damentoiletten endlich behoben würde. Denn die fast 70 Jahre zuvor gegründete ETH liess zwar von Anfang an Frauen ausdrücklich zum Studium zu. Wirklich eingestellt auf die «Damen» war sie jedoch nicht: Im 1864 eröffneten Hauptgebäude wurden ausschliesslich Herren-WCs eingebaut, die auch ausschliesslich von Männern genutzt wurden.

Die Pionierinnen

Das mag heute kaum noch vorstellbar sein. Mittlerweile ist es selbstverständlich, dass Frauen an der ETH studieren, forschen und lehren. Doch bis dahin war es ein langer Weg: Bis sich nach Gründung der Hochschule (1855) die erste Studentin einschrieb, vergingen 16 Jahre, und bis die erste ordentliche Professorin einen Lehrstuhl erhielt, vergingen sogar ganze 130 Jahre. Und auch heute bleibt noch einiges zu tun:

«Die Schulleitung bemüht sich, den Frauenanteil unter den Studierenden und bei den Professuren stetig zu steigern. Mit den Berufungen auf Professuren konnten wir in jüngster Vergangenheit etwas Terrain gutmachen. So liegt der Frauenanteil bei den Neuberufungen seit 2019 bei rund 30 Prozent. Aber wir sind uns bewusst, dass noch viel getan werden muss, bis beide Geschlechter ausgewogen vertreten sind – über alle Hierarchiestufen hinweg. Der Blick zurück zeigt, wie weit der Weg der Frauen an der ETH war und ist».

— Prof. Joël Mesot, Präsident der ETH Zürich

Für die Frauen gab es viele Hürden zu überwinden: Anfangs konnten es sich nur wohlhabende Familien leisten, ihren Töchtern ein Studium zu ermöglichen und für die nötige Schulausbildung zu sorgen. Denn diese fand hauptsächlich an Privatschulen statt. In der Schweiz fehlte es Ende des 19. Jahrhunderts an öffentlichen Mädchengymnasien, sodass die meisten Mädchen keinen Abschluss erwerben konnten, der ihnen den Zugang zu einer Hochschule eröffnet hätte. Dementsprechend kamen die meisten Studentinnen an Schweizer Universitäten zunächst aus dem Ausland, vor allem aus Russland (siehe Grafik). 1

Studentinnen an Schweizer Universitäten nach Nationalitäten 1864–1927.
Aus Schweizerischer Verband Akademikerinnen (Hg.): Das Frauenstudium an Schweizer Hochschulen, Zürich 1928, S. 326

Durch sie stieg bis 1906 der Frauenanteil unter den Studierenden in der Schweiz (PDF, 60.4 KB) auf ein Viertel, fiel jedoch bald wieder drastisch: Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 und der russischen Revolution 1917 kehrten viele Ausländerinnen in ihre Heimat zurück.

Nadežda Nikolaevna Smezkaja (1849-1905), die erste Diplomstudentin der ETH Zürich, Porträt aus dem Jahr 1877 (Aus: bibliophilka.shpl.ru)
Die erste Studentin an der ETH war Nadezda Smeckaja 2 (1849–1905) aus Moskau, die sich 1871 im Fach Maschineningenieurwesen einschrieb und zuvor an der Universität Zürich Medizin studiert hatte.
Titelblatt der Matrikel von Nadina Smetzky, der ersten Frau, die sich zum Studium am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich eingeschrieben hat. ETH Bibliothek, Hochschularchiv, EZ-REK1/1/2712
1877 erlangte ihre Landsfrau, Marie Kowalik (1843–?), Tochter eines Offiziers und Gutsbesitzers aus der heutigen Ukraine, als erste Frau ein ETH-Diplom (in Landwirtschaft).
Marie Baum, die erste wissenschaftliche Assistentin der ETH. Aus: Reichstags-Handbuch 1920
Marie Baum (1874–1964) wurde 1898 die erste wissenschaftliche Assistentin an der ETH, allerdings nur für ein Jahr.

Studieren, aber nicht arbeiten

Die Zahl der Schweizer Studentinnen stieg indes nur langsam. Auch war es für Frauen schwierig, nach dem Studium eine Anstellung zu bekommen. 3 Das erlebte etwa Marie Baum, die 1897 ihr Diplom als Fachlehrerin naturwissenschaftlicher Richtung an der ETH ablegte. Eugen Bamberger, Professor für allgemeine Chemie, wollte sie als wissenschaftliche Assistentin anstellen. Doch sein Antrag wurde abgelehnt:

«Der Schulrat ist sicher, dass die Ernennung eines weiblichen Assistenten vom Bundesrate beanstandet würde u. ohne selbst sich grundsätzlich gegen Anstellung weiblicher Assistenten aussprechen zu wollen, möchte er doch von solcher absehen, solange sich noch tüchtige männliche Assistenten finden lassen.»

Mit ihrer eindeutigen Haltung stand die ETH nicht allein da: Gesellschaftlich war es damals wenig akzeptiert, dass Frauen «Männerberufe» ergreifen. Die «natürliche» Rolle der Frau sah man als Hausfrau und Mutter. Es herrschte zum Teil sogar die Meinung, dass Frauen die geistige Befähigung zu Studium und Wissenschaft fehle. Trotz aller gesellschaftlicher Widerstände gab es an der ETH einige Professoren, die sich für Frauen einsetzten. Einer von ihnen war der Geologe Albert Heim. 4 Auch seinem Engagement ist es zu verdanken, dass die zunächst abgelehnte Marie Baum schliesslich doch noch eine Stelle erhielt. Auch Heim selbst stellte Frauen ein, unter anderem von 1902 bis 1904 die Schweizer Geobotanikerin Marie Brockmann-Jerosch. Diese war mit Laura Hezner befreundet, die sich 1910 als erste Frau an der ETH habilitierte, in chemischer Mineralogie und Petrographie. Sie und die Pharmazeutin Hedwig Delpy waren auch die ersten Frauen, die an der ETH den Doktortitel erlangten. 5

Marie Brockmann-Jerosch (1877–1952) promovierte nach ihrem ETH-Studium an der Universität Zürich.
ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_13847 6
Laura Hezner und Marie Brockmann-Jerosch, aus dem Bahnwaggonfenster schauend: Ziegelbrücke (die Botaniker kommen).
ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-001
Exkursion 27.–31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet. ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-004
Laura Hezner (1862–1916) war die erste Frau, die sich an der ETH zur Privatdozentin habilitierte.
Hedwig Delpy 1910 als Assistentin im Pharmazeutischen Labor des Eidgenössischen Polytechnikums. Aus: Emma Steiger, Geschichte der Frauenarbeit in Zürich, Zürich 1964. Foto: Privatbesitz.
Hedwig Delpy eröffnete 1912 zusammen mit ihrem Mann eine Apotheke an der Winkelriedstrasse in Zürich.
Lux Guyer (1894–1955) ca. 1940 während eines Kurses an der «Schule für häusliche Arbeit». 7 Aus: gta Archiv der ETH Zürich, © gta Archiv
Erstes Fertighaus der Schweiz, entworfen von Lux Guyer für die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) 1928 in Bern. 8

Traditionelle Rollen halten sich hartnäckig

Doch trotz der Erfolge Einzelner sollte es noch Jahrzehnte dauern, bis Frauen ihren Platz erobern würden. Ihr Anteil unter den ETH-Studierenden stieg bis Ende der 1960er-Jahre selten über fünf Prozent. Zwar hatte es dank dem Einsatz von Frauenorganisationen gesellschaftliche Fortschritte in der Bildung und der Erwerbsarbeit von Frauen gegeben. Das demonstrierte etwa die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) von 1928, welche den Beitrag und die Bedeutung der Frauen für Volkswirtschaft und Gesellschaft aufzeigen sollte. Leitende Architektin war Lux Guyer 9 , die als erste Frau ein Architekturbüro in Zürich eröffnete und einen Teil ihres Studiums an der ETH absolviert hatte. Allerdings wurden die althergebrachten Rollenvorstellungen noch lange nicht in Frage gestellt. Auch die zweite SAFFA im Jahr 1958 propagierte diese weiterhin. Die meisten Frauen übten nach wie vor traditionelle «Frauenberufe» aus. Gerade an der ETH mit ihrer naturwissenschaftlich-mathematischen Ausrichtung waren sie daher kaum zu finden. 10

Zeit des Aufbruchs – Katharina von Salis

Doch dann tat sich etwas: Anfang der 1970er-Jahre begann der Anteil der Studentinnen an der ETH langsam, aber unaufhaltsam, zu steigen. Auch mehr und mehr Forscherinnen kamen an die Hochschule, unter ihnen die Geologin Katharina von Salis, die von 1974 bis 2001 an der ETH forschte und lehrte. «Es war eine Zeit des Aufbruchs», erinnert sich die heute 79-Jährige. 1971 hatte die Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt. Davor war die neue, autonome Frauenbewegung entstanden, Frauen forderten immer nachdrücklicher gleiche Rechte ein und eroberten neue Räume. Das machte sich auch an der ETH bemerkbar: So bekam etwa der Verband der Studierenden 1976 seine erste Präsidentin, die spätere Nationalrätin Barbara Haering. 1979 wurde die erste Frau zur Titularprofessorin ernannt, die Geobotanikerin Krystyna Urbańska. Und 1985 erhielt die erste Frau, die Architektin Flora Ruchat-Roncati, eine ordentliche Professur an der ETH. Nach Flora Ruchat-Roncati ist ein Garten auf dem ETH-Campus Hönggerberg benannt.

Auf dem Campus der ETH am Hönggerberg wurde ein Weg nach Marie Baum benannt. Foto: © Thomas Zenger
Portrait von Flora Ruchat-Roncati; ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_13651, Fotograf unbekannt
Die erste ETH-Professorin: Flora Ruchat-Roncati (1937–2012) war von 1985 bis 2002 ordentliche Professorin an der Architekturabteilung der ETH. Sie war eine wichtige Exponentin der Tessiner Architekturgruppe Tendenza und gestaltete Schulen, Wohnhäuser und Autobahnbauten. Kooperatives Arbeiten und die Lehre hatten für sie einen hohen Stellenwert.
Campus Hönggerberg, Flora Ruchat-Roncati Park. Foto: © Sandra Flatt
Campus Hönggerberg, Flora Ruchat-Roncati Park. Foto: © Thomas Zenger
Barbara Häring-Binder, Nationalrätin Zürich, 1990. ETH-Bibliothek, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_LC1501-00H-020-001 / CC BY-SA 4.0
1976 wurde Barbara Haering (*1953) erste Präsidentin des Verbandes der Studierenden an der ETH (VSETH). Sie studierte Naturwissenschaften und promovierte 1996 in Raumplanung. Von 1990 bis 2007 war sie als SP-Politikerin im Nationalrat, seit 2008 ist sie Mitglied des ETH-Rates. Haering ist Ehrendoktorin der Universität Lausanne.

Katharina von Salis hat viel dazu beigetragen, die Chancengleichheit an der Hochschule in grossen Schritten voranzutreiben. So organisierte sie unter anderem 1991 die Beteiligung der ETH am landesweiten Frauenstreik und gründete die «Frauenanlaufstelle», die heutige Stelle für Chancengleichheit Equal!. Sie war Mitgründerin und Präsidentin der 1992 gegründeten Konferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Schweizer Universitäten und Hochschulen (KOFRAH) und präsidierte von 2000 bis 2007 den Lenkungsausschuss des Bundesprogramms für Chancengleichheit. Schon früh empfand sie es als ungerecht, dass sie als Mädchen anders behandelt wurde als die Buben: Während diese draussen Fussball spielen durften, musste sie drinnen sitzen und Handarbeiten machen. Im Gymnasium in Bern, wo von Salis 1959 die mathematisch-naturwissenschaftliche Matura ablegte, war sie zeitweise die einzige Frau in der Klasse. So habe sie zwangsläufig gelernt, sich in einem männlich dominierten Umfeld durchzusetzen. Ein Vorbild war für sie ihre Grossmutter, eine Kunstmalerin, die oft das Sprichwort zitierte: «Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr».Zum Tweeten klicken Nach diesem Motto ging auch von Salis ihren Weg, auch wenn ihr immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden. Nach der Schule studierte sie Geologie an der Universität Bern, wo sie 1965 promovierte. Im Gegensatz zu ihren Mitstudenten durfte sie nicht an einer Grönlandexpedition teilnehmen: «Frauen waren damals einfach nicht vorgesehen.» Auch der Einstieg in den Beruf war schwierig: Als sie sich bei Shell bewerben wollte, teilte ihr die Firma mit, dass man keine Geologinnen, sondern nur Geologen anstelle. Von Salis wählte stattdessen die Forschung. 1965 heiratete sie einen Dänen und zog zu ihm nach Kopenhagen, wo sie eine Stelle am Geologischen Institut der Universität erhielt und später Institutsleiterin wurde. Als ihr Mann 1974 nach Wien versetzt wurde, nahm sie eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin am geologischen Institut der ETH an. 11 Hier forschte und lehrte sie Mikropaläontologie, organisierte internationale Kongresse, schrieb Lehrbücher und gründete die International Nannoplankton Association (INA). Ihre drei Töchter lebten dort, wo der Vater gerade arbeitete: Wien, Den Haag, London. Von Salis pendelte zwischen der Familie und Zürich, verbrachte jeweils eine Woche hier und die andere dort. «Die ETH hat mir diese Flexibilität ermöglicht», sagt sie. Ihren Beruf aufzugeben, sei für sie nie in Frage gekommen. Mutter 12 und Grossmutter, die beide unabhängig waren und ihr eigenes Geld verdienten, hatten ihr das vorgelebt. 1989 zog dann die ganze Familie nach Zürich, wodurch vieles einfacher wurde.

Schlüsselmoment für die Gleichstellung

Zu dieser Zeit wurde in der Schweiz der Ruf immer lauter, die seit 1981 in der Verfassung verankerte Gleichstellung auch in die Tat umzusetzen. 13 Denn noch immer erhielten Frauen für gleiche Arbeit weniger Lohn. Unternehmen und Hochschulen waren auf die Lebenswirklichkeit von Männern ausgerichtet, weshalb Studentinnen- und Frauenverbände unter anderem die Einführung von frauenspezifischen Themen in Forschung und Lehre forderten. An der ETH gründeten Studentinnen und Forscherinnen 1987 die Vereinigung der ETHZ-Studentinnen, -Assistentinnen, -Dozentinnen und -Absolventinnen (VESADA), die sich für eine verstärkte Frauenförderung und -vernetzung einsetzte. Katharina von Salis’ persönlicher Schlüsselmoment in Sachen Gleichstellung kam im Jahr 1990 an einer Departementskonferenz, an der es auch um die Anpassung des Studienreglements ging. Am selben Tag hatte Appenzell Innerrhoden als letzter Kanton den Frauen das Stimmrecht erteilt. Zur Feier des Tages schlug von Salis vor, im neuen Studienreglement jeweils die weibliche Form zu schreiben und in einer Fussnote zu erwähnen, dass Männer mitgemeint sind. Was provokativ, aber humorvoll gemeint war, löste bei den Kollegen heftige Reaktionen aus: «Ab da galt ich nur noch als die Emanze vom Dienst.» 14

Ihren neu erworbenen Ruf nahm von Salis zum Anlass, sich erst recht für Frauenbelange einzusetzen. Eine nächste Gelegenheit dafür bot der damals neue ETH-Präsident Jakob Nüesch, der in einem Zeitungsinterview den Willen geäussert hatte, mehr für die Frauen an der ETH zu tun. Von Salis traf sich mit ihm und erhielt seine Zustimmung, eine «Frauenanlaufstelle» 15 zu gründen, bei der sie selbst ein Beratungspensum von 20 Prozent übernahm. Im selben Jahr, 1991, fand der schweizerische Frauenstreik mit einer halben Million Teilnehmerinnen statt.

Mitarbeiterinnen der Swissair am Tag des Schweizer Frauenstreiks in Zürich-Kloten; 14.06.1991. ETH-Bibliothek, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Fotograf: Swissair / LBS_SR05-091075-31 / CC BY-SA 4.0
Bern, Frauenstreiktag, 1991. Aus Reportage mit 13 Bildern ETH-Bibliothek, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_LC0479-001-007 / CC BY-SA 4.0
Zürich, Frauenstreiktag, 1991. Aus Reportage mit 16 Bildern. ETH-Bibliothek, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_LC0479-002-001 / CC BY-SA 4.0
Denkmal in Stans, Frauenstreiktag am 14.06.2020. ETH-Bibliothek, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_LC0479-003-003 / CC BY-SA 4.0

Von Salis und weitere Frauen organisierten Aktionen an der ETH, unter anderem ein Frauen-Sit-in im Dozentenfoyer unter dem Motto «Wir haben Platz genommen!». «Es war eine tolle Stimmung», erinnert sich von Salis. Auf der Polyterrasse wurde die Resolution der ETH-Frauen verlesen und anschliessend mit 1400 Unterschriften dem Präsidenten übergeben. Forderungen waren unter anderem bessere Kinderbetreuung, mehr Teilzeitstellen – für beide Geschlechter –, die Förderung von Frauen auf allen Ausbildungsstufen sowie Unterstützung beim Wiedereinstieg nach einer Babypause. Diese und viele weitere Massnahmen wurden in der Folge umgesetzt. 16 In dem 2014 verabschiedeten Gender Action Plan zeigt die ETH auf, wie sie die Gleichstellung aktiv unterstützt und auch künftig weiter vorantreiben will.

ETH-Frauen heute

Die Bemühungen zur Förderung der Chancengleichheit zeigten und zeigen Erfolg: Seit den 1990er-Jahren nimmt beispielsweise die Zahl der Professorinnen zu. Mittlerweile entfallen auf sie 73 Vollzeitäquivalente. Im Jahr 2007 war schliesslich auch auf höchster Ebene, in der Schulleitung, erstmals eine Frau vertreten: die Biologin Heidi Wunderli-Allenspach, die bis 2012 ETH-Rektorin und Stellvertreterin des ETH-Präsidenten war. Seit 2015 bekleidet dieses Amt Sarah Springman, ordentliche Professorin für Geotechnik. Sie setzt sich stark für die Förderung von Wissenschaftlerinnen ein und versucht, Mädchen für die Ingenieurwissenschaften zu begeistern.

Der durchschnittliche Frauenanteil bei den ETH-Studierenden und -Doktorierenden beträgt heute ein Drittel.Zum Tweeten klicken Dies ergab das jüngste Gender-Monitoring, welches die ETH seit 2009 jährlich durchführt, um den Stand der Gleichstellung zu überprüfen. Die Zahlen zeigen aber auch, dass auf dem Weg zu höheren Stufen der akademischen Karriere nach wie vor Frauen «verlorengehen». 17 Dieses Phänomen beobachtet auch Ulrike Lohmann, Professorin für Wolkenphysik am Departement Umweltsystemwissenschaften: «Viele meiner Doktorandinnen, auch die sehr talentierten, bleiben nach der Dissertation nicht in der Wissenschaft». Ein häufiger Grund dafür ist, dass sie eine Familie gründen wollen und befürchten, dass dies nicht mit dem Forschungsalltag vereinbar sei. Deshalb unternimmt die ETH grosse Anstrengungen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern. 18 Die ETH ist auch bemüht, mehr exzellente Professorinnen an die Hochschule zu holen. Deshalb gelten für Berufungskommissionen entsprechende Regeln, unter anderem, dass mindestens zwei Kandidatinnen zu Gesprächen eingeladen werden. 19 Ulrike Lohmann – seit mehreren Jahren Delegierte des ETH-Präsidenten für Professorenberufungen – ist überzeugt: Solche Massnahmen sind hilfreich und wirksam, um ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis zu erreichen.

Dafür ist es jedoch auch nötig, stereotype Geschlechtervorstellungen zu überwinden, die sich hartnäckig in den Köpfen halten:

«Frauen in naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen haben Seltenheitswert, auch an der ETH Zürich. Frauen können genauso erfolgreich wie Männer Elektrotechnik, Informatik oder Maschinenbau betreiben. Ausserdem wissen wir inzwischen, wie wichtig es für den Erfolg von Projekten ist, dass Männer und Frauen gemeinsam an Lösungen tüfteln. Unterschiedliche Perspektiven bringen in der Regel bessere Ergebnisse. Häufig stehen uns aber geschlechtsbezogene Stereotype im Weg, gemäss denen Frauen für Mathe, Physik und Technik schlechter geeignet seien als Männer. Die Stelle für Chancengleichheit und Vielfalt bietet zahlreiche Workshops und Kurse an, die helfen sollen, derartige Vorurteile zu überwinden.»

— Renate Schubert, Delegierte des ETH-Präsidenten für Chancengleichheit und Leiterin der Equal!-Stelle

Die ETH hat seit den Anfängen viel bewegt, um Männer wie Frauen gleichermassen willkommen zu heissen. Was den eingangs erwähnten Toilettennotstand betrifft, so hatte die Briefeschreiberin Frau Schinz-Mousson – einflussreiche Gattin eines Titularprofessors der Universität Zürich – mit ihrer Bitte Erfolg: Der Rektor leitete ihr Schreiben sogleich an den Schulratspräsidenten und dieser wiederum an den Architekturprofessor Gustav Gull weiter, der damals im Jahr 1918 gerade das Hauptgebäude umgestaltete. Daraufhin wurden Damentoiletten eingebaut und damit ein grundlegender Missstand sehr zeitnah behoben.

Fussnoten

  1. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Frauenstudium in Russland mehrmals verboten, weshalb viele Studentinnen in die liberalere Schweiz auswichen. Viele der Russinnen waren politisch engagiert und vertraten sozialistische und emanzipatorische Ansichten, auch die ersten ETH-Studentinnen Nadezda Smeckaja und Marie Kowalik. ↩︎
  2. Im Matrikeldossier (ETH Bibliothek, Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK1/1/2712) und im Studentenverzeichnis des Eidgenössischen Polytechnikums Zürich findet sich stattdessen der Name Nadina Smetzky, in der Literatur wird im Zusammenhang mit der ersten Studentin der ETH jedoch meist der Name Nadezda Smeckaja genannt. https://blogs.ethz.ch/digital-collections/2009/08/20/studentendossiers-der-eth-zurich ↩︎
  3. Die erste Schweizer Juristin, Emilie Kempin-Spyri, die an der Universität Zürich studiert und 1887 promoviert hatte, kämpfte vergeblich um ihre Zulassung als Anwältin. Diese war an das Aktivbürgerrecht geknüpft, das jedoch Männern vorbehalten war. Kempin-Spyri kehrte schliesslich der Schweiz den Rücken und wanderte in die USA aus. ↩︎
  4. Albert Heim war mit der der ersten Schweizer Ärztin, Marie Heim-Vögtlin, verheiratet. Sie studierte an der Universität Zürich Medizin und hatte selbst mit Schwierigkeiten beim Berufseinstieg zu kämpfen: Da kein Schweizer Spital Frauen anstellte, musste sie für ihre Assistenzzeit nach Deutschland ausweichen. Anschliessend kehrte sie in die Schweiz zurück und eröffnete als erste Frau eine eigene Praxis. https://www.uzh.ch/blog/hbz/2019/03/11/erste-medizinstudentinnen-an-der-universitaet-zuerich ↩︎
  5. Die ETH hatte erst seit 1908 das Recht, Doktortitel zu verleihen. ↩︎
  6. Marie Brockmann-Jerosch publizierte als Forscherin mehrere wichtige Werke über die Entstehung der Alpenflora nach der letzten Eiszeit. Die von ihr vertretenen Theorien werden durch heutige Forschungsergebnisse bestätigt. ↩︎
  7. Lux Guyer war Fachhörerin an der ETH Zürich, absolvierte Praktika in Architekturbüros in Zürich und Berlin und eröffnete 1924 als eine der ersten Architektinnen in der Schweiz ein eigenes Büro. Im Auftrag von Frauenorganisationen entwarf sie unter anderem Wohnungen für alleinstehende Frauen. ↩︎
  8. Das Fertighaus liess sich dank modularer Elemente in nur drei Monaten bauen. ↩︎
  9. Lux Guyer baute in Zürich als Erste Wohnungen für alleinstehende Frauen, zum Beispiel den Lettenhof (1926–1927) und das Studentinnenheim in Fluntern (1927–1928). https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009326/2006-03-10 ↩︎
  10. Nur in wenigen Fächern war ihr Anteil relativ hoch, in Pharmazie lag er sogar schon in den 1950er-Jahren bei etwa 50 Prozent. http://www.ethistory.ethz.ch/statistik/04Weibliche_Studierende.pdf ↩︎
  11. Später wurde sie Oberassistentin, 1992 dann Titularprofessorin. ↩︎
  12. Charlotte von Salis-Bay (1917–2016), Mutter von Katharina von Salis, war eine bekannte Journalistin und Modezeichnerin. ↩︎
  13. Das Gleichstellungsgesetz, welches den Verfassungsauftrag konkretisiert und ein wichtiges Instrument zur tatsächlichen Gleichstellung von Mann und Frau ist, trat erst 1996 in Kraft. ↩︎
  14. Dies kommentierte Katharina von Salis im Interview mit unserer Explora-Autorin Claudia Hoffmann. ↩︎
  15. Heute die Stelle für Gleichstellung Equal!. Mehr zur Geschichte von Equal!: https://ethz.ch/services/de/anstellung-und-arbeit/arbeitsumfeld/chancengleichheit/portrait/geschichte.html ↩︎
  16. Die erste Gleichstellungsbeauftragte wurde Silvia Wyler. Sie erarbeitete zusammen mit Katharina von Salis in internen Arbeitsgruppen ein umfassendes «Förderungsprogramm 1996–1999». ↩︎
  17. Ihr Anteil bei den Senior-Scientist-Stellen sowie den Professuren beträgt nur 15 Prozent. Dem wirken die Institutionen des ETH-Bereichs mit dem Förderprogramm «Fix the leaky pipeline» entgegen. Dieses hilft jungen Forscherinnen unter anderem mit Mentoringprogrammen und Trainings, eine Strategie für ihren Karriereweg zu entwickeln und ihr wissenschaftliches Netzwerk auszubauen. ↩︎
  18. Dazu zählt, dass das Kinderbetreuungsangebot im Jahr 2018 um ein Drittel ausgebaut wurde und nun insgesamt acht Kindertagesstätten (ETH und UZH), Krippen und ein Nanny-Service zur Verfügung stehen. Frischgebackene Eltern können den viermonatigen Mutterschaftsurlaub untereinander aufteilen, sofern beide Partner an der ETH arbeiten. Zudem werden flexible Arbeitsmodelle wie Teilzeitarbeit und Homeoffice unterstützt. https://ethz.ch/services/de/anstellung-und-arbeit/arbeitsumfeld/chancengleichheit/strategie-und-zahlen/frauen-an-der-eth/frauenstreik-eth/frauenfoerderung.html ↩︎
  19. Auch in der Berufungskommission müssen jeweils mindestens zwei Frauen sein. Zudem übernimmt ein Kommissionsmitglied die Rolle eines «Gender and Diversity Advocate» und achtet in dieser Rolle auf eine faire Durchführung des Berufungsprozesses. Ausserdem soll die Schlussempfehlung der Kommission – in der Regel eine Dreierliste – mindestens eine Kandidatin enthalten (Ausnahmen bedürfen einer Begründung zuhanden des ETH-Präsidenten). ↩︎

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